Konzept Väter-Söhne-Seminar

Die Idee der Multifamilientherapie in der Jugendhilfe:


Multifamilientherapie als eine Arbeitsweise, die in wesentlichen Teilen auf Konzepten und Techniken der systemischen Gruppen- und Einzeltherapie basiert, kommt bereits in einer Vielzahl von - bislang vor allem klinischen - Arbeitskontexten zur Anwendung. Hierbei liegt zunächst die Beobachtung zu Grunde, dass Familien mit ähnlichen, teilweise multiplen, Problemlagen in der eigenen Konfliktsituation meist nur eine sehr eingeengte Sichtweise bezüglich Ressourcen und Lösungen entwickeln können, gleichzeitig jedoch eine beachtenswert hohe Sensitivität im Hinblick auf andere. Gelingt es, die Gruppenatmosphäre entsprechend zu gestalten, liegt in dieser menschlichen Besonderheit ein hohes Potential an Erfahrung, Anteilnahme und somit konstruktiver und für die Betroffenen annehmbarer Kritik. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen ergibt sich eine Vielzahl von Effekten und Möglichkeiten. Exemplarisch sollen hier einige genannt werden (s.a. Eia Asen, Michael Scholz; Praxis der Multifamilientherapie, Heidelberg, 2009):

  • Förderung von Solidarität und Überwindung einer oft schambedingten Isolation/Stigmatisierung
  • Offenheit in der Gruppe als Erfahrung für den Alltag
  • Ein vermeintliches ‚Wissensgefälle‘ Experten - Betroffene tritt in den Hintergrund
  • Praktisches Erleben neuer Sichtweisen, Lösungen, Perspektiven, etc.
  • Sich im anderen gespiegelt sehen und damit Kompetenzen entdecken und voneinander lernen
  • Gruppendruck als positiver Schub um neues auszuprobieren
  • Enge Verknüpfung von Erleben, Reflexion und Ausprobieren im „Schonraum" ermöglicht neue praktische Erfahrungen
  •  Erweiterte methodische Möglichkeiten bezüglich der therapeutischen Arbeit in der Gruppe 

Aus unserer mehrjährigen Erfahrung in der aufsuchenden Familientherapie sowie der stationären Jugendhilfe heraus schätzen wir das Potential dieser Arbeitsweise für eine Vielzahl von Familien besonders hoch ein. Vorstellbar ist ein solches Setting sowohl ergänzend im Rahmen bestehender Hilfen als auch als unterstützende Einzelmaßnahme.


Ein weiterer zentraler Aspekt dieses Projektes im Hinblick auf weiterführende Hilfen bzw. die ‚Emanzipation‘ der Familien aus ihrer erlebten Unselbständigkeit in Erziehungsfragen scheint die besondere Rolle der Therapeuten zu sein. Das ‚Expertenwissen‘ im Einzelfall tritt hier gegenüber der Gestaltung der Gruppenatmosphäre als Lernfeld in den Hintergrund. Kooperation und gegenseitige Unterstützung kann und soll entstehen, die ein Gefühl der Selbstwirksamkeit bedingt. Im Idealfall trägt die erlebte Solidarität und gegenseitige Unterstützung über die Dauer des Projektes hinaus und reduziert damit die Inanspruchnahme externer Hilfen.

 

 

Konkrete Umsetzung im Rahmen eines Projektes für Väter und Söhne


Betrachtet man die Herkunftsfamilien von männlichen Jugendlichen mit Verhaltensauffälligkeiten, so findet man überzufällig häufig problematische Vater-Sohn-Beziehungen. So zitiert Marie-Luise Conen („Wo keine Hoffnung ist, muss man sie erfinden", 2004) eine empirische Studie, nach der die Abwesenheit des Vaters in der Kindheit bei Jungen mit negativen Folgen verknüpft war, während dies bei Mädchen weniger zutraf. Weiter schreibt sie: „Bei nicht-resilienten Jugendlichen scheinen seltenere Kontakte zum Vater die Vulnerabilität zu erhöhen. Die Jugendlichen interpretieren die selteneren Kontakte des Vaters - sie selbst wünschen sich mehr Kontakte - als Desinteresse an ihrer Person. Dies wird als kränkend erlebt und wirkt sich problemaufrechterhaltend aus" (S. 25). In manchen Familien sind Väter physisch und psychisch abwesend, etwa weil sich die Eltern getrennt haben, und sich die Väter aus der Erziehungsverantwortung herausgezogen haben. In anderen Familien sind die Väter zwar anwesend, sind aber kaum in der Lage, emotional warme und stabile Beziehungen zu ihren Söhnen aufzubauen, die tragfähig genug sind, die Belastung von Konflikten und Auseinandersetzungen tragen zu können.

 

Der Grund für die fehlende Beziehung liegt unserer Erfahrung nach meist weniger in einem Nicht-Wollen als vielmehr in einem Nicht-Können der Väter. Oft selbst mit einer distanzierten Vaterfigur aufgewachsen, fühlen sie sich unsicher und unfähig im Bereich der Gefühle und Beziehungen. Um diese Unsicherheit zu überwinden braucht es in einem ersten Schritt beim Vater ein Bewusstsein dafür, dass die Qualität seiner Beziehung zu seinem Sohn Bedeutung für dessen Selbstwert und Entwicklung hat. Dieser erste Schritt ist gut im Rahmen von familientherapeutischen Sitzungen zu erarbeiten. Bei manchen Vätern reicht dies auch durchaus, um einen Prozess in Gang zu setzten, in dessen Verlauf die Väter sich selbständig auf den Weg machen, die Beziehung zu ihren Söhnen zu intensivieren.

 

Andere Väter erkennen zwar die Notwendigkeit (und oft auch den verborgenen Wunsch) ihr Verhältnis zu ihren Söhnen zu verändern, sind aber wegen eigener psychischer Verletzungen, wegen fehlender Rollenmodelle oder aus anderen innerpsychischen Gründen, nicht in der Lage, sich eigenständig auf den Weg zu machen. Diese Väter brauchen konkrete positive Erfahrungen im Umgang mit ihren Söhnen, und um diese Erfahrungen machen zu können, brauchen sie einen sicheren Rahmen und konkrete Anleitung.

An diese Väter richtet sich unser Angebot.

 

 Methodische Überlegungen


Elemente auf der Handlungsebene:
• Zentral: Floßbau und Befahrung der Isar
• Leben im Zeltlager
• Lagerfeuer

 

 Elemente auf der Beziehungsebene
• Pflegekinderspiel
• Mehrgenerationenperspektive
• Narrative Elemente
• Reflexionsgespräche (als festes Element und nach Bedarf)
• Kooperationsübungen

 

 

Teilnahmevoraussetzungen

 

Das Angebot richtet sich an alle Familien, die im Kapitel ‚Grundgedanken zur Idee‘ beschrieben wurden; zusätzlich ist nur eine kleine Portion Abenteuerlust und Freude an Aktionen in der Natur (Zelten) nötig.